Unter dem Titel „Das Violoncello im Aufbruch – Barock bis Moderne“ entfaltete sich ein Programm, das wie ein Weg durch Zeiten und Empfindungen wirkte. Bach eröffnete den Abend nicht als „Start“, sondern als Tür: das Prélude aus der zweiten Suite – dunkel, andächtig, suchend – ließ den Raum wie eine große Klangkathedrale erscheinen. Man konnte förmlich hören, wie Gedanken leiser wurden. Danach wurde das Soliloquium zum Gespräch: Glière brachte zwei Celli in einen lebendigen Dialog, der nicht nur technisch präzise, sondern musikalisch beseelt war. Boccherini ließ das Instrument strahlen – virtuos und leicht, ohne je oberflächlich zu werden. Und dann folgte der emotionale Kern: Faurés Élégie, Prokofjews Sonate, Casals’ „El cant dels ocells“ – drei Stationen, die sich anfühlten wie Trauer, Dringlichkeit und Hoffnung in einem Atemzug.
Gerade in diesen Höhepunkten zeigte sich die seltene Qualität dieses Abends: Man hörte nicht bloß perfekte Ausführung, sondern echte innere Beteiligung. Jeder Ton wirkte getragen von einer Haltung – als hätte die Musik etwas zu sagen, das größer ist als Virtuosität. Prokofjew klang nicht wie ein „modernes Stück“, sondern wie ein innerer Dialog, verständlich auch ohne musikwissenschaftliches Vorwissen. Und „El cant dels ocells“ – wörtlich „Der Gesang der Vögel“, ein traditionelles katalanisches Lied, von Pablo Casals als Friedensbotschaft für Cello bearbeitet – war mehr als eine Melodie: ein stilles Innehalten, das den Raum für einen Moment ruhiger machte als jedes Wort.
Ein wesentlicher Grund dafür war die Moderation von Beatrice Thron. Sie führte nicht zwischen den Werken hindurch, sondern in die Werke hinein: pointiert, klar, publikumsnah – mit einer meisterhaften Balance aus Verständlichkeit und Stil. Ihre Einführungen schufen Orientierung, ohne die Musik vorwegzunehmen. Man fühlte sich an die Hand genommen, aber niemals belehrt. Genau dadurch wurde dieser Abend für Laien zugänglich – und blieb für erfahrene Konzertbesucher auf höchstem Niveau.
Gelebte Leidenschaft auf der Bühne
Was zusätzlich berührte, war die spürbare Hingabe der Mitwirkenden. Lukas Joshua Müller und Ludwig Huhn spielten mit Fokus, Mut und erzählerischer Kraft – ihr Zusammenspiel wirkte wie echtes Zuhören. Andrey Zenin formte am Klavier einen tragfähigen, farbenreichen Partnerklang, und Susanne Bleck brachte mit ihrer Erfahrung Ruhe, Tiefe und Wärme ins Ensemble. So entstand ein Miteinander, das man nicht „machen“ kann – es entsteht, wenn Musik wirklich gemeinsam gelebt wird.
Man merkte: Hier ging es nicht um Selbstdarstellung, sondern um das Teilen von Musik – offen, respektvoll und mit sichtbarer Freude am gemeinsamen Klang. Und gerade diese Freude sprang über: als Wärme im Raum, als gespannte Stille zwischen den Tönen, als ehrlicher Applaus, der mehr sagte als „gut gespielt“.
Musik, die in Handeln übergeht
Und dann bekam der Abend noch eine zweite Dimension: Der Förderverein übergab einen Scheck über 650 Euro – die bis dahin zusammengekommenen Spenden für den guten Zweck. Doch die Wirkung endete nicht mit dem letzten Akkord. An diesem Abend wurden zusätzlich rund 1.000 Euro gespendet, und viele Gäste bekundeten, weitere Spenden zu überweisen, um nachhaltig „etwas Gutes zu tun“. Es war, als hätte dieser Abend nicht nur Gefühle geweckt, sondern auch Verantwortung.
So bleibt dieses Konzert doppelt in Erinnerung: als einmaliger künstlerischer Hochgenuss – voller Gänsehaut, Tiefe, Freude und stiller Momente – und als ein Zeichen dafür, dass Musik mehr sein kann als Schönheit. Sie kann Herzen öffnen – und aus dem Applaus wird ein Wunsch, das Gute nicht enden zu lassen.
Neuapostolische Kirche